Das Wort zum Weltfrauensonntag

Alle Jahre kommt er wieder der Weltfrauentag am 8. März. Das ist auch gut so und stets ein willkommener Anlass Geschlechterungerechtigkeit medial breit zu diskutieren. Ich habe viele Berichte, Kommentare und Umfragen gelesen. Es war sehr viel Kluges und leider auch weniger Gescheites darunter.

Der Kontext war dabei kein neuer: Da sind diese (meist männlichen) Autoren und Forentrolle die nach Beendigung der feministischen Bewegung schreien. Nicht selten liest man, die Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern hätte sich mittlerweile umgekehrt und vor lauter Gender Studies, Frauenförderprogrammen und Binnen-I’s sind es jetzt die Männer die mittlerweile diskriminiert werden. Und dann gibt es (meist weibliche) Kommentator_innen und Interviewte, die sich im Feminismus nicht beheimatet fühlen, weil er a) nicht mehr notwendig sei bzw. b) einen Opferstatus impliziere, der aber keinesfalls gegeben sei.

Für mich steht außer Frage: Auch im Jahr 2015 ist Feminismus notwendig, denn ein Ende der Geschlechterungerechtigkeit ist im Moment nicht in Sicht. Das fängt beim ungleichen Lohn an und hört beim durchschnittlich gesellschaftlichen Umgang mit der Frau auf. Das gesellschaftliche Verhältnis zu den Geschlechtern ist von Charakterzuschreibungen geprägt. Das ist meiner Ansicht nach das Grundübel und so lange nicht der Mensch im Vordergrund steht, sondern das Geschlecht, kann von Gleichberechtigung keine Rede sein.

Natürlich gibt es biologisch bedingte Unterschiede. Aber die gibt es auch zwischen kleinen und großen Menschen, dicken und dünnen, zwischen Asiaten und Afrikanern. Während bei den einen mittlerweile ein relativ breiter Konsens herrscht nicht den Unterschied in den Vordergrund zu stellen, wird zwischen Frau und Mann zuhauf auf die Natur verwiesen. Warum ist das so? Es geht um gewachsene Strukturen – kulturelle Strukturen. Die kulturellen Strukturen liefern die Erklärung, die Legitimation für einen Missstand. Weil es halt so ist. Gerne vergisst man aber, dass eine Struktur nicht von einer oberen Macht gegeben ist, sie ist gewachsen, sie ist auch nicht starr, sie kann sich weiterentwickeln. Und damit sie weiterentwickelt werden kann, muss sie hinterfragt werden und das ständig.

Bediene man sich wieder dem erwähnten Vergleich: Strukturen widerspiegeln sich in Symbolik und Bildern und damit auch in der Sprache. Fast alle wissen mittlerweile, dass es verpönt ist einen schwarzen Menschen „Neger“ zu nennen. Gleichzeitig höre ich mehrmals täglich herabwertende Bezeichnungen für Frauen wie „blöds Wieb“. Das N-Wort war in meiner Kindheit noch in aller Munde, gute zwei Jahrzehnte später ist es nicht mehr so. Die Struktur hat sich also geändert – zu Recht. So lange man aber den Missstand – die bestehenden Ungerechtigkeiten zwischen Mann und Frau – entschuldigt oder gar komplett von der Hand weist, so lange bringt man ihm so viel Akzeptanz entgegen, dass er auch weiterhin funktioniert.

Oft habe ich mich nach dem Grund gefragt und die Antwort bei der Verteilungsfrage gefunden. Im Grunde genommen ist es ziemlich simpel, bekommt jemand mehr, bekommt der andere weniger. Braucht jemand mehr, muss jemand anders mehr geben. Das ist der Kern der ganzen Diskussion. Der Väterkarenz schwächelt. Wieso? Weil zu wenige Väter in Karenz gehen. Oder warum braucht es eine Frauenquote in Vorständen und Aufsichtsräten? Trotz jahrelanger Diskussion und positiven Anreizsystemen hat nichts geholfen. Wenn mehr Frauen in den Vorständen sind, werden weniger Männer dort sein. Das ist logisch, es wird trotzdem nicht diskutiert. Und dennoch schwingt es mit und hängt wie ein Nebel über jeglicher gesellschaftlicher Diskussion und Auseinandersetzung.

Keinesfalls geht es um Schuldzuweisungen, dennoch sollte und muss dieses Faktum hinterfragt werden. Es ist ein unschöner Begriff: aber ist ein Kampf. Die Geschichte zeigt, dass meistens nie gerne einfach gegeben worden ist. Da wären die Gutsherren und ihre Vasallen, Industrielle und die Arbeiterklasse, Kirche und Staat. Beispiele könnte man endlos anführen, aber eines wissen wir mit Sicherheit, dass nur eine Revolution oder eben eine Evolution – in der wir uns nun seit gut einem halben Jahrhundert befinden – hilft. Hoffnungsvoll kann uns stimmen, dass schlussendlich (in vielen Fällen) doch die Vernunft und das Gemeinwohl vor dem Glück des Einzelnen siegten.

Gleichberechtigung ist zweiseitig. Die eine Seite muss zwangsläufig auf etwas verzichten und die andere Seite muss nehmen. Es sollte aber auch allen klar sein, dass in gewachsenen Strukturen Menschen sind die machen und andere die mit sich machen lassen. Gegebenenfalls ist es manchmal auch einfach notwendig sich zu nehmen, was einem zusteht.

Solange man sich dessen bewusst ist, kann auch niemals von einem selbstzugeschriebenen Opferstatus die Rede sein. Es geht um das aktive Vorantreiben um die Strukturen, die Ungerechtigkeiten bedingen, aufzubrechen. Das Ziel ist die Selbstverwirklichung jedes/-er einzelnen zu ermöglichen. Gesellschaftlich wäre diese Selbstverwirklichung möglich, dennoch wird sie für viele verhindert, das ist nichts anderes als strukturelle Diskriminierung.

Ich frage mich oft, haben die ersten Frauenrechtlerinnnen damit gerechnet, dass die Gleichstellung der Geschlechter so lange dauert? Wahrscheinlich nicht. Kritik und Hinterfragen ist mühselig und alles andere als einfach. Und es liegt noch ein weiter Weg vor uns, das hat die Diskussion über die Hymne im letzten Sommer gezeigt. Natürlich bekommt keine Frau mehr Lohn, weil sie seit ein paar Jahren in der Nationalhymne nicht einfach mitgemeint ist. Aber was ich mich dabei gefragt habe, wenn ein einziges Wort schon zum Riesenproblem hochstilisiert wird, wie soll es erst dann werden bei den Lohnverhandlungen, beim flächendeckenden Ausbau der Kinderbetreuungsplätz oder wenn Frauen 50 Prozent der Mandatare in den Parlamenten für sich beanspruchen? Schwierig ist wohl ein Hilfsausdruck.

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